10 August 2009

16 März 2009

"Ernst Hubertys Scheitel"



"Gerald Fricke hat kein Ballgefühl", Lesung im Café Riptide, Braunschweig, 12.03.2009. 

06 Juni 2008

04 Februar 2008

Chef auf allen Straßen


1981 kaufte sich mein Vater einen saharagelben 230 E (E wie Einspritzer) mit 136 PS, Servolenkung, Hasenohren-Kopfstützen hinten und einem halben Jahr Lieferzeit. So begehrt war der. Zur Überbrückung der langen Warte- und Leidenszeit musste der alte rote durchgerostete Volvo (den man siebenfach übereinander stapeln konnte, wie die Werbung zeigte) noch eine Extratour drehen. Zusammen mit dem wunderbaren, überaus exotischen, aber leider schier unverkäuflichen Renault 30. Den musste mein Vater dann, als der Benz endlich da war, an einen Kollegen zum Schnäppchenpreis von 5990 D-Mark verkaufen. Mit der Sahara-Kutsche fuhren wir dann, im Sommer 1981, nach Südtirol. Schön mit 90 km/h, weil man damals die Autos angeblich noch "einfahren" musste. Bis nach Augsburg, unserem Übernachtungs-Zwischenstopp, brauchten wir schon 8 Stunden und 52 Minuten, wie mein kombinierter BP-Tankstellen-Bundesligatimer ausweist. BP war ja der Sponsor vom HSV, holte dann auch den Kaiser Beckenbauer zurück aus Cosmos New York.
Was zeigt unsere Abbildung? Einen schönen 280 E, aus dem MB-Prospekt "280/280E", vermutlich aus den späten Siebzigern. Ein Schatz, beim Kellerausmisten geborgen. Ist das der letzte "richtige" Mercedes, mit Chrom und richtigem Stern und Kofferraum? Früher hätte ich das zum Strich-Achter gesagt. Heute lasse ich es gerne für den 123er gelten. Ich fand ihn damals unglaublich bieder, heute ist er natürlich total Chef. Aber hallo!

Die Autos der Weltmeister

Helmut Schöns Fußballer-Auswahl bildet eine schnelle Truppe. Nehmen wir Günther Netzer: Mit seinem 350 PS starken Ferrari GTB 4 ist der "Spanien-Deutsche" (mot 1974) im Kreise der Nationalmannschaft konkurrenzlos motorisiert. In der Garage vom "Kaiser" Franz Beckenbauer sehen wir einen barocken Mercedes SEL 6.3, beim Bomber Gerd Müller (ohne Häkchen) einen 350 SLC. Der Chef Helmut Schön (Mercedes 450 SE) verstärkt mit Overath (350 SE) den massiven Mercedes-Block. BMW-Fahrer stellen das zweitgrößte Kontingent: Neben Sepp Maier fahren auch Nigbur, Heynckes und Wimmer einen 2002. Damit weiter zu Porsche: Vogts und Grabowski "pilotieren" (mot) einen Carrera RS, Hoeneß und Bohnhof einen 911 S. Anders der "Mao-Fan" (mot) Paul Breitner. Er fährt Maserati Indy.
Wenn er fährt!

Mit schönem Dank an den Rechercheur Markus.

14 Dezember 2007

Harald Nickel Fußballgott 1979

Heute nacht habe ich von wunderschönen Eintracht-Toren geträumt, herrlich! Pios Gold-Köpfchen gegen Wattenscheid, Holger Adens legendäre 12 Tore in fünf Spielen, Buchheisters drei Böller beim 5:1 auf Schalke oder Ronni Worms 4:3 gegen den HSV im Pokal 1982. Nicht schlecht war natürlich auch das Hacke-Eigentor aus 20 Metern, der quasi Fallrückzieher vorwärts, von Tommy Christensen 1989 gegen Hertha, oder besser: für Hertha („Eigentor des Jahrzehnts“). Aber daran wollen wir jetzt natürlich nicht denken, viel lieber schon an die direkt verwandelte Ecke von Günter Keute!

Von Schnauz Keute zu Harald Nickel ist es nun gewiss ein großer Sprung für die Menschheit, aber nur ein lächerlich kleiner Schritt für den Kolumnisten. Ja, Harald Nickel hat immer die Elfer aus dem Stand versenkt, später perfektioniert von Dr. Socrates bei der WM 82. Die Rede ist von Harald, nicht Bernd „Dr. Hammer“ Nickel von Eintracht Frankfurt. Zwei, dreimal hat er, Harald, sogar in der Nationalelf gespielt; ich meine, ein Tor in Moskau bei einem Freundschaftsspiel gegen die SU geschossen, gegen minus zwanzig Grad und 40.000 Zuschauer mit Pelzmützen, 35.000 davon in Armeeuniform. Endstand 3:1. Fürwahr, das waren die schönen Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses ...

Schnell nachgeschlagen in meinem schweinsledernen Lexikon „Deutschlands Fußball-Nationalspieler“, ein altes analoges Medium, verfasst von Jürgen Bitter: Nickel wechselte 1978 von Standard Lüttich für eine „halbe Million“ nach Braunschweig, studierte ein bisschen BWL, lange bevor das Mode wurde bei Oliver Bierhoff et allii, und 1979 „musste Borussia Mönchengladbach schon eine runde Million berappen, um Harald Nickel in Braunschweig loszueisen." Das sind die „nüchternen Fakten“, wie Leute schreiben, die auch „berappen“ sagen, statt „bezahlen“. Das haben sie auf der Henry-Nannen-Journalistenschule so gelernt oder im großen Buch der goldenen Synonyme. Ach egal, blieben wir beim Thema: Für Gladbach, den „UEFA-Cupsieger“ schoss Nickel in der Saison 1979/80 „genau 20 Tore“ und sogar das „Tor des Jahres 1979“. Drei Länderspiele gab’s, und da erinnerte ich doch glatt top-richtig: gegen die Sowjetunion, Türkei und Malta. 1981 schließlich wechselte er zu den, richtig, „Eidgenossen“, zum FC Basel. Da fällt mir doch sofort wieder ein, dass auch Netzer dort seine Rentnersaison gespielt hat, bevor er HSV-Manager wurde, oder war das „Serviette Genf“? Dr. Hammer wiederum kam nur zu einem einzigen Länderspiel und beendete seine Karriere bei den Young Boys Bern, hehe. Heute spielt er vermutlich Golf. Das schlage ich jetzt aber nicht mehr genauer nach, also bitte!

So. Und dann gibt es ja noch YouTube. Ein großartiges Gedächtnis der menschlichen Kulturgeschichte. Und was finde ich da, neben alten Videos mit Niklas Luhmann, Herbert Wehner oder Saturday Night Fever: Richtig, "Soviet Union 1-3 West Germany, November 1979 (Part 2)", gepostet von "Gregoriak". Ist das nicht - unfassbar, unglaublich schön! Aber zugleich werden meine Erinnerungen zerstört: Wer weiß noch den Torwart im Übergang vom Meyersepp zum Schumachertoni? Richtig: Da steht der feine Norbert Nigbur! Davor ein kurioses Mittelfeld aus Schuster, Hansi Müller und dem blinden Briegel. Und wer macht dann die Buden: Rummenigge (2) und Klaus Fischer. Kein Nickel, nein.

O du Wahrheit, du grausame, aufm Platz! Wir schalten zurück.

Nachtrag, 29.01.2008: Das Video ist "no longer available". Sehr schade. Aber es gibt bestimmt einen großen Markt für sowas, für Fußball-Freundschaftsspiele von 1979.

03 August 2007

tour de demütigung

Sie hatten schon wieder mein Fahrrad geklaut. Hätten sie mich doch nur geschlagen, hätten sie mir den Esel im ritterlichen Kampf Mann gegen Maus abgenommen, alles wäre längst vergessen, aber so: Die Narben, die man nicht sieht, die bleiben, die "seelischen" nämlich!

Können diese Menschen auch nur "ansatzweise" (J. B. Kerner) ermessen, was mir bevorstand? Sofort war ich wieder ein Zwölfjähriger in Turnhosen, der sich mit Lehrern, Kittelträgern, ungerechten Schiedsrichtern und allgemeiner Willkürherrschaft auseinandersetzen musste. Oder auf heutige Verhältnisse übertragen, sollten die Gipfel der Leiden in den nächsten Wochen "Fundbüro", "Polizeiwache" und "ZEG Fahrrad Müller - mehr als nur Fahrrad" heißen. Orte des Schreckens, an denen das historische Westdeutschland des öffentlichen Dienstes heraufbeschworen wurde.

Zunächst ging es zur Polizei. Um das geklaute Gerät "zur Anzeige zu bringen", gegen "Unbekannt". Kaum angekommen, wir wechseln ins dramatische Präsenz, hausmeistert mich prompt ein Schnauzbart an: "Naa, wo wolln wa denn hin, junger Mann?" - "Äh, mein Fahrrad " - "Einmal ganz durch. Deswegen steht da vorne ja ein Schild. Einfach mal leeesen!" - Herzlich willkommen in der Welt der Bademeister, Platzwarte und Unterhemdkleingärtner. Ich habe sie immer schon provoziert, einfach so, qua bloßer Existenz.

Es geht weiter, einmal ganz durch, dann rechts, ins Bürobüro. Ich bin wieder im Kreiswehrersatzamt, bei der Musterung. Ein merkwürdiger Ehrgeiz nimmt mich in den Schwitzkasten und kämpft mit meinem Restverstand: Jetzt einfach weiter den Trottel spielen oder doch einen auf bella figura machen?

König Gemütlichkeit nimmt mir diese Grundsatzfrage ab. Er hat hier sein Reich als Kommissar Speiche errichtet - mit ausladenden Topfpflanzen (Gummibaum) und lustigen Sprüchen ("Bin auf Arbeit, nicht auf der Flucht"). Die vollbärtige Jovialitätsmaschine im breitgesessenen Vollcord hat sich ihre unzähligen Speichen und Sporen sicher in vielen Jahrzehnten als Kontaktbereichsbeamter der Herzen erworben. "So, wo ist denn meine Lesebrille", werde ich begrüßt. "Ah, die hab ich ja schon auf, hehe." Wir tauschen uns über "das verrückte Wetter" aus. Wir geben meine Daten ein, Einfinger-Adlersuchsystem. Wir schütteln die Köpfe über die Explosion der Managergehälter, "Wetten, dass ?" auf Mallorca und wieder "das verrückte Wetter". So, bitte hier unterschreiben. Der Menschenfischer ist schon beim versteckten "Du" angekommen: "Hamwa nicht auch mal beim TSV Lehndorf Fußball gespielt?" O Gott, jetzt ist es aber schleunigst time to say goodbye.

Am nächsten Tag kaufe ich mir ein neues Fahrrad. Mit Kindersitzhalterung und Betonbügelschloss, Sicherheitsstufe Fort Knox. "Passen denn Kindersitz- und Schlosshalterung an den Rahmen?", gebe ich zu bedenken. "Kriegen wir schon passig", werde ich für eine halbe Stunde weggeschickt. Wieder zurück, passt nichts. "Wie soll das denn gehen? Da musste das Schloss aufm Sattel mitnehmen", duzt mich der tätowierte Monteur mit Gewalthintergrund. Ich gebe auf und kein Widerwort mehr.

Morgen kommt das Fundbüro dran. Ich habe jetzt schon Angst.


Erschienen in der taz vom 24.07.2007

29 Mai 2007

Historische Plakate (2)

Historische Plakate (1)

Schöne Sache: Ich habe neue alte Schätze auf meiner Festplatte gefunden... Mann, was habt Ihr für Lesungen verpasst!!

23 März 2007

10 Jahre "Goldene Siebziger"


Im Juli 1997 ist unser erstes Buch bei Reclam-Leipzig erschienen: "Die Goldenen Siebziger. Ein notwendiges Wörterbuch." Damals waren Handys zwei Kilo schwer und es gab noch kein Google! Muss man sich mal vorstellen! Was ist seitdem passiert: Das Achtziger-Revival, "Generation Berlin", das Neunziger-Revival, das erste Internet, das zweite Internet.

27 Februar 2007

Agentur 2.0

Ottmar ist Texter in einer Internet-Agentur - Seniortexter, um genau zu sein. So viel Zeit muss sein! Er liest Motoraver und die lokale Treppenhaus-Umsonstzeitung. 2001 trug er die Tunnelzughose von 2000, 2005 den Iro von Robbie Williams aus dem Jahre 2002, und 2007 trägt er die Hemden von Fred Perry, die 2003 "in" waren. In seiner Linkliste finden wir einige "derbe" Youngtimer, supergute Schnäppchenangebote und die Speisekarte vom "City-Casino" an der Großen Theaterstraße, das leider auch schon die letzte Fettwanne für immer leeren musste.

Ottmars Texte und Überschriften verraten immer ihre holde Blütenzeit. "So bunt der Frühling" wechselt von "Sommerzeit - Reisezeit" zu "Tassenzauber im Herbst", um schließlich mit "Winterzeit - Reisezeit" den Reigen konzise zu beschließen. In seinem Ordner "Große Hafenrundfahrt" sammelt er lustige Bilder: Frauenautos, die falsch einparken; derangierte Currywürste; mit Gemüse dekorierte Betrunkene; Zombies auf Motorrädern und anderes "krasses" Zeugs.

Immerhin hat Ottmar auch schon die Worte "Erfolg macht sexy" oder "Kristallwelten" auf ihren Weg von den Bildschirmen zu den Menschen gebracht. Wenn Status Quo für "Mit zwei Akkorden in die Hitparade" kommen, dann hat Ottmar genau zwei gute Ideen, die er geschickt zu kombinieren weiß. Sie heißen "Der Weg ist das Ziel" und "Rom wurde auch nicht an einem Tag erfunden". Und jetzt erst mal eine "roochen". Dann lassen sich Rasierpinsel, Bolzenschneider oder die Marktwirtschaft wieder atemfrisch präsentieren und pfiffige Wortspiele für Dreijährige drehen.

Aber Obacht! Mit dem guten alten gemütlichen Internet ist es jetzt vorbei. Ein neuer strammer Wind weht durch die Agentur und pfeift sein garstig Lied. Der Chef sagt: "So, jetzt machen wir auch Web 2.0, mit Blogs und Pipapo. Die Kunden brauchen das. Und du schreibst jeden Tag 100 konstruktive Nutzerkommentare. Und den Sülz für den Chef. Großer verkannter Denker, führt sein mittelständisches Unternehmen, wird gesandwicht von oben und unten. ,Große Konzerne böse, Politik versagt' - so die Nummer, verstehste?" Ottmar versteht: "Bei uns gibt's noch Service aus einer Hand. Nachdenklich, seriös, aber auch mit einer Prise Humor?" - "Ja", fasst der Chef das Briefing zusammen, "so Flotte-Feder-Style, weißt schon?" - "Yes o'clock!".

Ottmar haut in die Tasten. Überschrift: "Made in Germany - quo vadis?" Los geht's: "Gerade fällt mir eine lustige Begebenheit ein. Mein Marketingleiter sagt zu mir: Gehen wir heute zum Griechen oder Italiener? Ich denke mir: Warum sagt man eigentlich nicht ,Gehen wir zum Deutschen'? Immerhin kommen unsere international geachteten Fräsmaschinen ja auch aus römpel di pömpel blubber blubber?" Nächster Blog-Eintrag: "Geht es Ihnen auch so: Nicht nur die Fernsehbildschirme werden immer flacher, auch die Programme ramenter laber laber? Gute Qualität darf eben nicht blablabla …?" Ottmar hat jetzt den Bogen raus. Bastian Sick meets Oliver Kalkofe, that's it.

Ein weiterer Meilenstein zu seinem epochalen Lexikon über "Agentursprache 2.0" ist damit auch … - äh, geworfen.


In: taz vom 30.1.2007, Seite 20 ("Die Wahrheit").

02 Januar 2007

Ernst Hubertys Scheitel

Gerald Fricke hat kein Ballgefühl:
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"Ballgefühl" als Audio-CD

03 Oktober 2006

Verschwörer in kurzen Hosen

Beim Apfelsinenkaufen treffe ich ihn zufällig: Boris. Er trägt jetzt eine "Frisur", also etwas willentlich Gestaltetes auf dem Kopf. Nach dem großen Soziologen Max Weber bedeutet "Frisur" ja, sich gegen borstige Widerstände durchsetzen zu können. Wir sprechen kurz über das Wetter und eine aktuelle politische Weltverschwörung. Dann bemüht sich Boris, mir in endlos verschachtelten Sätzen kurz zu erklären, was er jetzt gerade so "macht". Sein spiddeliger Körper wird von einem beigen Sommeranzug lässig umspielt, aber das ist eine Lüge. Denn ich kenne Boris noch von früher. Damals materialisierte sich mir sehr eindrucksvoll die Theorie der "zwei Kulturen" (C. P. Snow), die Kluft des gegenseitigen Nichtverstehenkönnens noch -wollens von Geist und Technik.

Zwei Jahre haben wir herrlich gegeneinander gearbeitet, in der großen Internetagentur. Ich sagte: "Machen wir das einfach so und so." Boris sagte: "Das geht nicht." Mitleidig grunzendes Gelächter. Wie die "Kreativen" sich das immer so vorstellen!

Boris und seine Unterprogrammierer trugen die meiste Zeit des Jahres kurze Hosen, von März bis Oktober. Dazu ein kariertes Holzfällerhemd, wie es gern in Hollywood-Teenie-Komödien der Achtzigerjahre von rebellischen Typen getragen wurde. Boris war auch mal zwei Jahre bei der Bundeswehr, hat da einen Lkw-Führerschein und die goldene Schützenschnur gewonnen: "Ob 15 Monate oder 24, da kannste auch gleich die zwei Jahre hingehen."

Schon als Kind hat Boris viel gelötet, alleine vor sich hin. Später hießen seine besten Freunde Commodore 64 und Floppy Disk. Was er gern mag? Bruce Springsteen, Cordon Bleu, sich über Frauen schlapp lachen. Was er nicht mag: Arbeit, Arbeit, Arbeit.

Seine Unterprogrammierer waren Russlanddeutsche mit einer Gemüseallergie. Sie fügten sich seiner natürlichen Autorität oder besser: seiner Transpiration. Denn Boris schwitzte, nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über.

Die Unterprogrammierer hießen Stefan oder Vladimir. Politisch präferierten sie einen liberalistischen Vulgärsozialdarwinismus mit nationalbolschewistischen Aberrationen. Da müsste der Staat auch mal dringend durchgreifen.

Die Unterprogrammierer freuten sich über jeden, der mal mutig seine Meinung sagte, kannten sämtliche Weltverschwörungen und hatten bei TV Spielfilm mal was über unterirdische Folterlabore gelesen ("Achtung: geheim!"). Sport trieben sie eher nicht, dafür schoben sie per Fahrgemeinschaft in die Agentur, gleich als Erste. Und zum Mittag gab's gut gelaunte Mettwurstzwiebelbrötchen: "Da sparste 'ne Menge."

Wenn die Programmierer Geburtstag hatten, schenkten sie sich untereinander gern "Spaßgeschenke", zum Beispiel einen singenden Fisch, denn Gefühle konnten sie nicht anders "zeigen". Erbarmte sich schließlich eine medizinisch-technische Angestellte ihrer, dann wurde sofort geheiratet. Bald kamen Kinder und gerahmte Fertigbilder in das neue Heim, mit den zerfließenden Uhren von Dalí, die einen schönen Kommunikationsanlass boten, über Raum und Zeit und die Weltformel. Im Flur brieten atmungsaktive Schuhe.

Boris redet immer noch vor sich hin. Schnell weiter jetzt!

GERALD FRICKE

taz Nr. 8057 vom 25.8.2006, Seite 20

Lesung in Farbe






"Fußball, Pop, Wahnsinn" in Braunschweig, 11.08.2006
Fotos: Kultur unter Glas